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Ist Erziehung sinnlos?

Nor­ma­ler­wei­se lese ich sol­che alten Bücher als Fach­li­te­ra­tur gar nicht mehr, sie könn­ten über­holt sein. Aber da sich – mei­nes Wis­sens nach – bis­her nie­mand getraut hat zu dem The­ma wei­ter zu schrei­ben, muss es eben sein.

Ist Erziehung sinnlos?

The Nur­tu­re Assump­ti­on: Why Child­ren Turn Out the Way They Do

Judith Rich Har­ris

Das Ein­zi­ge, was ich an dem Buch ver­mis­se, ist der bio­lo­gis­ti­sche Blick­win­kel:

  • Wenn Kin­der auf die Eltern­ge­ne­ra­ti­on sozia­li­siert wür­den, wäre es nutz­los, denn außer den ers­ten Lebens­jah­ren ver­brin­gen sie den Rest ihrer Lebens­zeit mit ihrer Gene­ra­ti­on ±ein paar Jah­re.
  • Und auch auf die Alten sozia­li­siert zu wer­den ist über­flüs­sig, denn dann, wenn die Kin­der selbst an der Rei­he sind ihren Bei­trag zu leis­ten, sind die Alten tot (zumin­dest waren sie das meist frü­her).

Daher: Kin­der müs­sen sich dar­auf trai­nie­ren, mit ihrer eige­nen Alters­ka­te­go­rie zurecht­zu­kom­men, da sie nach ihrer Kind­heit (in den archai­schen Gesell­schaf­ten endet die­se unge­fähr mit dem 14. Lebens­jahr) den Rest ihres Lebens als Balzer/Bebalzte, Eltern, Arbei­ter, Bau­ern, Jäger, Krie­ger und Alte mit Ihres­glei­chen ver­brin­gen.

Ich for­de­re jeden, der jetzt motzt dazu auf, sich in sei­nem Freun­des­kreis umzu­se­hen und die Alters­ka­te­go­rie zu ver­glei­chen.

Wer ande­rer Mei­nung ist, darf sich ger­ne im Krei­se derer Umschau­en, die er in sei­nem pri­va­ten Kreis stän­dig trifft. Und er muss sich die Fra­ge gefal­len las­sen: Macht es wirk­li­ch Spaß mit Kin­dern Umgang zu haben? (hpd-Link nach­tra­gen)

Ich weiß, jetzt beschwe­ren sich wie­der die Eltern. Es wie immer: Wenn jemand die Wahr­heit sagt, wird er geschlach­tet.

Wenn jemand einem (den ach so geplag­ten Eltern) erzählt, dass der Erzie­hungs­auf­wand nicht so wich­tig ist, fühlt man sich belei­digt. Dabei ist Kin­der in die Welt set­zen, abfüt­tern und anzie­hen schon Arbeit genug. Bei man­chen Tier­ar­ten kann ein Eltern­teil allei­ne nie­mals die Men­ge an Nah­rung bei­schaf­fen.

Da kom­men mir die Eltern vor wie der klei­ne Beam­te einer Behör­de, der zwar das unwich­tigs­te Papier ver­ar­bei­tet, die­se Mach­stel­lung aber zum Drang­sa­lie­ren sei­ner »Kund­schaft« aus­nutzt.

Noch­mal: Kin­der mit Essen, Klei­dung, Schul­be­su­ch, Sozia­len Kon­tak­ten und Fähig­kei­ten der eige­nen Haus­halts­füh­rung zu ver­sor­gen ist ver­dammt viel geleis­tet!

Da muss das Elter/müssen die Eltern ihnen nicht auch noch die elter­li­che, meist ver­al­te­te Welt­an­schau­ung, Spra­che und das fein­füh­li­ge Sozi­al­ver­hal­ten nahe­le­gen – das funk­tio­niert (1) sowie­so nicht, ist auch (2) in der sozia­len Grup­pe, in der sich die Kin­der jetzt und in der Zukunft bewe­gen nicht pas­send und (3) haben es die Eltern selbst meist gar nicht rich­tig ver­stan­den, denn son­st wären die Eltern aus ihrer Reli­gi­ons­ge­mein­schaft sowie­so schon längst aus­ge­tre­ten.

Bei vie­len der ande­ren Rezen­sio­nen beschleicht mich das Gefühl, dass die Ver­wei­se auf ande­re Kul­tu­ren über­haupt nicht gele­sen wur­den — viel­leicht wur­de das  Buch über­haupt nicht voll­stän­dig gele­sen.

Nach­trag, Die Selbst-Erzie­hung in archai­schen Gesell­schaf­ten

Im eben­falls lesens­wer­ten Buch »Ver­mächt­nis« von Jared Dia­mond geht er auch auf die­se erstaun­li­che, aber für mich nach­voll­zieh­ba­re Nicht-Erzie­hung – oder rich­ti­ger – Selbst-Erzie­hung von Kin­dern in archai­schen Gesell­schaf­ten ein.

In die­sen archai­schen Gesell­schaf­ten, die Jared Dia­mond sowohl aus eige­nem Erle­ben als auch von ande­ren For­schern beschreibt, blei­ben Kin­der unge­fähr die ers­ten 3 Jah­re in inten­si­vem Kon­takt bei und meist auch an ihrer Mut­ter. Dabei wer­den sie meist auch wäh­rend der gesam­ten Zeit gesäugt.

Dana­ch wer­den die Kin­der, sobald sie aus­rei­chend lau­fen kön­nen ein­fach zu »den ande­ren Kin­dern«, einem dörf­li­chen Sam­mel­be­cken aller Kin­der von 3 – 14 Jah­ren gege­ben und wei­test­ge­hend sich selbst über­las­sen.

Mit Beginn der Geschlechts­rei­fe kommt selbst­tä­tig das Inter­es­se am »Tun der Erwach­se­nen« und so gehen die Kin­der mehr und mehr hin und ver­su­chen von »den Alten« zu ler­nen. Im All­ge­mei­nen wird in den meis­ten die­ser Gesell­schaf­ten im Alter von 14 Jah­ren mit einem Ritual eine for­ma­le Auf­nah­me in den Kreis der Erwach­se­nen mit Rech­ten und Pflich­ten voll­zo­gen.

(http://hpd.de/node/14468http://lachsdressur.de/jared-diamonds-vermaechtnis/)

Und in die­sem Sin­ne kann ich Man­fred Spit­zer bei­pflich­ten: Kin­der gehö­ren nicht vor die Glot­ze (ob TV oder PC), son­dern mit ande­ren Kin­dern zusam­men. Und ganz oft ohne ihre Eltern.

Fazit: Die meis­ten Kin­der haben schwer-erzieh­ba­re Eltern.


http://www.perlentaucher.de/buch/1096.html 

http://www.rabeneltern.org/index.php/bibliothek/elternsein-allgemein/698-harris-judith-rich-ist-erziehung-sinnlos–

http://de.wikipedia.org/wiki/Judith_Rich_Harris

Die aktu­ells­te Aus­ga­be von 2009 ist nicht auf Deut­sch erschie­nen.

7 Responses to “Ist Erziehung sinnlos?”

  1. klafuenf sagt:

    Der Irr­glau­be, dass Eltern ihre Kin­der erzie­hen wür­den. Wozu soll­ten Kin­der das mit sich machen las­sen? Um genauso dap­pi­sch wie die Alten zu wer­den? Um mit einer Gene­ra­ti­on umge­hen zu kön­nen, mit der sie den Rest ihres Lebens eben nicht ver­brin­gen? Nope! Kin­der ler­nen im All­ge­mei­nen mit ande­ren Kin­dern umzu­ge­hen. So befas­sen sie sich mit ihrer Zukunft, schließ­li­ch ver­brin­gen Sie den Rest ihres Lebens dar­in­nen.

  2. […] Für Kin­der ist die EHE nicht aus­rei­chend. Jeden­falls nicht mit so wenig eige­nen Kin­dern. Vgl. »Ist Erzie­hung sinn­los« […]

  3. […] Ist Erzie­hung sinn­los? () · Tipp: Erst »Ver­mächt­nis« lesen, dann dana­ch das buch […]

  4. klafuenf sagt:

    Immer die­ser Irr­glau­be Eltern wür­den ihre Kin­der erzie­hen. Das kön­nen die Kin­der schon selbst, wenn man sie aus­rei­chend mit ande­ren Kin­dern zusam­men sein lässt. Schließ­li­ch ver­brin­gen sie mit die­ser Alters­ka­te­go­rie den Rest ihres Lebens und nicht mir ihren »Alten«.

  5. klafuenf sagt:

    Man kann erzie­hen was man will, die machen einem doch alles nach.”

  6. Der Autor sagt:

    Kin­der wer­den nicht von ihren dum­men alten Eltern erzo­gen. Die erzie­hen sich schon selbst. Im stän­di­gen inter­ak­ti­ven Aus­tau­sch mit der Gene­ra­ti­on, mit der sie den Rest ihres Leben ver­brin­gen wer­den. Eben nicht ihren dum­men alten Eltern.

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