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Der Autor wird als Rechts­his­to­ri­ker, Katho­lik und akti­ves Kir­chen­mit­glied vor­ge­stellt. Den­noch lässt er, bis auf läss­li­che Klei­nig­kei­ten (Zer­stö­rung des Welt­kul­tur­er­bes der euro­päi­schen Anti­ke*) kei­ne wesent­li­ches Blut­bad, kei­nen öffent­li­chen Skan­dal, kei­ne intel­lek­tu­el­le Lächer­lich­keit und kei­nen theo­lo­gi­schen Fehl­tritt sei­ner Kir­che aus.

Die gän­gi­gen Inhal­te dürf­ten den meis­ten Lesern hin­läng­lich bekannt sein, daher beschrän­ke ich mich auf eini­ge bemer­kens­wer­te Din­ge, die mir per­sön­lich auf­ge­fal­len sind und eini­ge Anmer­kun­gen. Der Inhalt des Buches ist für das Lesein­ter­es­se wahr­lich aus­rei­chend genug.

In Kapi­tel 7 geht der Autor auf die Samm­lung an volks­frömm­li­chen Sku­ril­li­tä­ten selt­sa­mer Hei­li­ger und erfun­de­ner Bege­ben­hei­ten ein. All die­se Din­ge, die Theo­lo­gen manch­mal die Zor­nes­rö­te ins Gesicht trei­ben und so gar nichts mit dem Lehr­ge­bäu­de zu tun haben. Den­noch wer­den vie­le die­ser, im Grun­de genom­men häre­ti­schen Kul­te, erstaun­lich prag­ma­tisch gedul­det. Ich bin der Mei­nung, dass ins­be­son­de­re die Mari­en­ver­eh­rung und die dar­an ange­lehn­te Beweih­räu­che­rung apo­kry­pher, weib­li­cher Hei­li­ger ein inof­fi­zi­el­ler, poli­ti­scher Schach­zug ist, um der weib­li­che Hälf­te der Schäf­chen auch Iden­ti­fi­ka­ti­ons­fi­gu­ren im Män­ner­club der katho­li­schen Kir­che durch die Zeit zu geben. Aber dies ist mei­ne per­sön­li­che Hypo­the­se.

Für mein Emp­fin­den fällt das Kapi­tel 3 über die Neben­wir­kun­gen der christ­li­chen Geleit­zü­ge bei der Kolo­ni­sa­ti­on und Unter­jo­chung der außer­eu­ro­päi­schen Welt sowie Betei­li­gung an blu­ti­gen Unru­hen in den letz­ten Jahr­zehn­ten — weit nach der Kolo­ni­al­zeit — knapp aus. Dafür sind die aus­ge­wähl­ten Bei­spie­le umso schmerz­haf­ter für den moder­nen, mode­ra­ten Chris­ten­men­schen, der hier ein äußerst absto­ßen­des Bild von mis­sio­na­ri­scher Tätig­keit fin­den wird. Dies ist aber in der inhalt­li­chen Brei­te wie im begrenz­ten Rah­men des Buches in Ord­nung. Ich gebe zu, es gibt auch geglück­te Mis­sio­nie­rung (vgl. Pas­cal Boy­er: Und Mensch schuf Gott).

Bei dem Ver­such die Finan­zen die­ses Welt­kon­zerns auf­zu­drö­seln darf man die Unzu­läng­lich­kei­ten dem Autor nicht anlas­ten. So man­che »Pea­nut**« erreicht auf erstaun­lich schat­ti­gen Pfa­den ihr Ziel. Sowohl was den Geld­fluss, als auch die erwünsch­ten Vor­gän­ge sind.

Der Autor, selbst prak­ti­zie­ren­der Katho­lik durch Mit­ar­beit — nicht nur durch Beten — stellt hier scho­nungs­los den Zustand sei­ner Kir­che aus der Sicht des zeit­ge­nös­si­schen, gläu­bi­gen Lai­en­ka­tho­li­ken dar. Er zeigt die Hin­ter­grün­de dazu auf und gibt einen Blick auf eine erstaun­lich leicht angreif­ba­re Insti­tu­ti­on frei. Auf­grund der erschre­ckend hier­ar­chi­schen Struk­tur kon­zen­trie­ren sich Ent­schei­dungs­be­fug­nis­se auf weni­ge Köp­fe. Dies erklärt, war­um man­che Vor­gän­ge auf allen Ebe­nen — von Per­so­nal­ent­schei­dun­gen in loka­len Ein­rich­tun­gen bis zur poli­ti­schen Aus­rich­tung des Welt­kon­zerns — äußerst lan­ge dau­ern und manch­mal nur des­halb ange­gan­gen wer­den, weil die Wel­len im Rest der Welt so hoch schla­gen, dass Prio­ri­tä­ten ver­scho­ben wer­den müs­sen.

Mir macht die­ses Buch wie­der deut­lich, wie wenig in eta­blier­ten, hier­ar­chi­schen Orga­ni­sa­tio­nen Kurs­kor­rek­tu­ren mög­lich sind. Dies zum Einen, wenn sie so groß sind, dass prak­tisch die gesam­te Füh­rungs­rie­ge in einem Elfen­bein­turm — fern der Rea­li­tät — träu­men kann. Zum Ande­ren aber vor allem, weil all die Rück­kopp­lungs­me­cha­nis­men, die in klei­nen Grup­pen noch auto­ma­tisch vor­han­den sind oder in moder­nen Staa­ten durch demo­kra­ti­sche Struk­tu­ren (Gewal­ten­tei­lung, Wahl der Füh­rungs­per­so­nen, …) mög­lich gemacht wer­den, in der katho­li­schen Kir­che ein­fach nicht vor­han­den sind. So man­cher Groß­kon­zern ist ein demo­kra­ti­sche­res und fle­xi­ble­res Gebil­de als die­se Ein- und Klein-Par­tei­en-Mon­ar­chie in Rom.

Die katho­li­sche Kir­che kann sich selbst nicht refor­mie­ren. Auch hat man von Rom aus in den letz­ten 30 Jah­ren mit den Befrei­ungs­theo­lo­gen noch die letz­ten moder­nen Kräf­te in den obe­ren Eta­gen des Kle­rus sau­er gefah­ren oder kalt gestellt. So wird auch der »Neue Markt« Mit­tel- und Latein­ame­ri­kas nicht die erhoff­ten Zuwäch­se gene­rie­ren. Ich schät­ze, dass über kurz oder lang dar­über hin­aus der Geld­hahn aus den wohl­ha­ben­den, deutsch­spra­chi­gen Abtei­lun­gen schwin­den wird.

Die ein­zi­gen bei­den Minus­punk­te (aller­dings nicht in mei­nen Augen und nicht am Buch selbst), sind zum Ers­ten, dass mir der Autor wie der gewöhn­li­che Kul­tur­christ vor­kommt, der sei­ne katho­li­sche Kir­che mit einem kun­den­ori­en­tier­ten, am Markt arbei­ten­den Dienst­leis­tungs­un­ter­neh­men ver­wech­selt. Der Katho­li­zis­mus der römisch-katho­li­sche Kir­che ist ein »Coca-Cola-Pro­dukt«: 1. Coca-Cola gibt es nur so und nicht anders***. 2. Eigent­lich braucht nie­mand Coca-Cola.

Und Zwei­tens igno­riert er völ­lig die über­ir­di­sche Kluft zwi­schen den Scha­fen und den Hir­ten: Ein Schaf darf nie­mals füh­ren. Lai­en haben nicht nur nichts zu sagen, sie wer­den erst gar nicht gefragt. In der katho­li­schen Kir­che gibt es kei­ne Rück­kopp­lung »von unten nach oben«.

Fazit: Dies ist ein Buch, wel­ches man kau­fen soll, dass sich liest wie ein Wal­lan­der-Kri­mi und, wenn man es an ein wan­kel­mü­ti­ges Kir­chen­mit­glied wei­ter­reicht, sicher auch gele­sen wird. Und hof­fent­lich führt es in Ver­su­chung****.

Micha­el Heb­eis, Schwarz­buch Kir­che, Und füh­re uns nicht in Ver­su­chung. Bas­tei Lüb­be, Taschen­buch, 284 Sei­ten, ISBN: 978 – 3-404 – 60687-0, EUR 9,99.

Anmer­kun­gen:

* vgl. »Schat­ten über Euro­pa«
** Pea­nuts: Für Nor­mal­sterb­li­che erschre­ckend hohe Geld­sum­men
*** Es war für die Welt des Mar­ke­tings etwas erstaun­li­ches, dass Coca-Cola tat­säch­lich die Stan­dard-Rezep­tur ange­passt hat.
**** Leið þú oss í freist­ni – lead us into temp­tati­on – füh­re uns in Ver­su­chung (Inschrift über dem Cof­fee­shop im Lau­gar­ve­gur 11 in 101 Reyk­ja­vík)

Sie­he auch: http://katholiban.de/limonade-schmeckt-mir-auch-nicht/

Ver­öf­fent­licht: http://hpd.de/node/14046

http://www.denkladen.de/Kirchen-Religionskritik/Kirchenkritik/Hebeis-Schwarzbuch-Kirche-kt::1983.html

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